Im Gespräch mit HT1-Redakteurin Margit Rumpfhuber analysiert Politikwissenschafter Prof. Gerhard Mangott die aktuelle Weltlage. Er spricht über den Krieg in der Ukraine, wachsende Spannungen zwischen Großmächten und die Folgen für Europa. Das Interview zeigt: Europa steht sicherheits- und wirtschaftspolitisch unter Druck.
Mehr Kriege, weniger Ordnung
Laut Gerhard Mangott verschiebt sich die globale Ordnung grundlegend. Großmächte halten sich zunehmend nicht mehr an internationale Regeln und das Völkerrecht. Gleichzeitig nehmen Konflikte weltweit zu.
Für Europa ist der Krieg in der Ukraine die zentrale Krise. Mangott sieht den Kontinent im Vergleich zu den USA und China im Nachteil. „Europa insgesamt wird an Bedeutung verlieren in den nächsten Jahrzehnten“, sagt der Politikwissenschafter.
Das betreffe sowohl militärische als auch wirtschaftliche Fragen.
Sicherheit: Europa wird verwundbarer
Die Sicherheitsgarantie der USA sei weniger verlässlich als früher. Gleichzeitig sei Europa nicht ausreichend in der Lage, sich selbst zu verteidigen.
Russland führe zudem einen hybriden Krieg gegen westliche Staaten. Europa unterstütze die Ukraine zwar, sei aber völkerrechtlich keine Kriegspartei. Dennoch beschreibt Mangott die Lage als faktischen Konfliktzustand.
Ein direkter militärischer Angriff auf ein NATO-Land sei jedoch „sehr unwahrscheinlich“.
Entlang der Frontlinie von Finnland bis zum Schwarzen Meer rüsten beide Seiten massiv auf. Das erhöhe das Risiko von Missverständnissen und Zwischenfällen.
Wirtschaft unter Druck
Neben der Sicherheitslage sieht Mangott auch wirtschaftliche Probleme. Hohe Energiepreise belasten die Industrie. Energieintensive Branchen verlieren an Wettbewerbsfähigkeit.
Gleichzeitig drängen chinesische Billigprodukte auf europäische Märkte. Das schwäche heimische Anbieter.
Hinzu kommt die politische Zerrissenheit innerhalb der EU. Einstimmige Entscheidungen in der Außen- und Sicherheits-Politik blockieren laut Mangott notwendige Maßnahmen.
Grönland und die Rolle der USA
Kritisch bewertet Mangott auch die jüngsten Spannungen rund um Grönland. Die USA hätten gezeigt, dass sie bereit seien, selbst gegenüber Verbündeten Druck auszuüben.
Das stelle die NATO als sicherheits-politische Klammer zwischen Europa und Nordamerika in Frage.
Aufrüstung als Kraftakt
Mangott sieht keine Alternative zu einer stärkeren europäischen Verteidigungs-Politik. Die Streitkräfte seien in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt worden.
Europa müsse personell und materiell aufrüsten. Gleichzeitig brauche es eine eigene Rüstungs-Industrie. Das werde teuer und dauere Jahre.
Auch Österreich investiere mehr in das Bundesheer. Eine Verlängerung des Wehrdienstes sei nachvollziehbar, wenn neue Systeme bedient werden müssen.
Zur Neutralität sagt Mangott: Österreich bleibe formal neutral, werde aber militärisch besser ausgerüstet. Ein NATO-Beitritt sei angesichts der öffentlichen Meinung sehr unwahrscheinlich.
Wenig Hoffnung auf rasches Kriegsende
Bei möglichen Friedens-Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine zeigt sich Mangott skeptisch. Die Positionen beider Seiten lägen in zentralen Fragen weit auseinander.
Eine rasche politische Lösung sei daher nicht zu erwarten. Hoffnung bestehe erst dann, wenn beide Seiten militärisch erschöpft seien und erkennen, dass weitere Kämpfe keinen Vorteil bringen.
Europa muss enger zusammenrücken
Mangott sieht dennoch Handlungsspielraum. Europa müsse sich als gemeinsamer Akteur verstehen und strategisch geschlossener auftreten.
Mehr Mehrheits-Entscheidungen in der Außen- und Sicherheits-Politik seien notwendig, um handlungsfähig zu bleiben.
Michaelnbach, Dachsberg, Universität Innsbruck
Redaktion: Margit Rumpfhuber
Kamera: Andreas Bluschke
Schnitt: Margit Rumpfhuber
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